Als ich neulich mal wieder fröhlich vor mich hin prokrastinierte, ließ ich mich zum Verfassen eines Kommentars in einer Diskussionsrunde auf einem bekannten Social Media Portal hinreißen. Es ging um die negativen Auswirkungen der Milchindustrie auf das Klima. Gewohnt sachlich, wenn auch, zugegeben, unaufgefordert, warf ich meine, auf Fakten basierenden, 2 Cent in den Ring. Fast schon erwartungsgemäß wurde ich daraufhin erst einmal gepflegt persönlich attackiert. Ich sei scheinheilig, denn ich solle erst einmal einen Blick in meinen Kleider- und Schuhschrank sowie in meine Kosmetiksammlung werfen. Gut. Das tat ich, schließlich war seit meiner Capsule Wardrobe Entrümpelung kaum noch etwas übrig, und es ergab sich kein Widerspruch zu meiner Aussage. Alle Milchkritiker seien heuchlerisch und scheinheilig, hieß es weiter, wenn sie das mit Tier- und Umweltschutz nicht ALLES auf ganzer Linie durchziehen würden.

Da habe ich mich gefragt: Muss ich das überhaupt, perfekt sein auf allen Ebenen?

 

Wer wirft den ersten Stein?

Manchmal, wenn ich Konversationen zu Themen wie Veganismus, Minimalismus und Umweltschutz verfolge, bekomme ich den Eindruck, dass alle perfekt sind. Nur ich nicht. Dann lerne ich etwas dazu und erwische mich dabei wie ich mein neues Wissen an andere weitergebe – und diese mich als „perfekt“ betrachten, weil ich ja „alles richtig“ mache. Dabei kann ich mich durchaus in Rage quatschen und wie ein Klugscheißer rüberkommen. So viel sehe ich ein. Böse oder herabschauend werde ich allerdings nie, schließlich habe auch ich die Informationen bis zum Zeitpunkt X nicht gekannt.

Ich tue tatsächlich enorm viel für die drei zuvor genannten Themen. Aber oftmals ist es mir nicht möglich, immer alles so umzusetzen, wie ich es gerne würde. Zumindest trifft das auf den Minimalismus und Umweltschutz zu, beim Veganismus bin ich mittlerweile durchaus auf ganzer Linie konsequent. Zwar kaufe ich noch z.B. Lederschuhe, aber nur Second Hand, damit meine Nachfrage nicht an den Ledermarkt weitergegeben wird. Für mich ist das okay, manch einem auf besagter Social Media Plattform wäre das nicht “vegan genug”. “Ich bin ja viel veganer / minimalistischer / umweltfreundlicher als du!” Ätschibätsch. Etwas, was mir niemals in den Sinn kommen würde. Aber wie sagt man hier in Köln: Jede Jeck ist anders. Und der*diejenige, der*die perfekt ist, werfe bitte den ersten Stein.

 

Ich bin also eine Heuchlerin?!

Spinnen wir den Gedankengang also weiter: die Menschen, die ich belehrt habe, denen ich Dinge vorgelebt und ans Herz gelegt habe, finden heraus, dass ich z.B. noch immer Reise oder neuerdings auch ein Auto mit meinem Mann gemeinsam besitze, das ich alle 2 Wochen mal nutze. Plötzlich heißt mit spitzer Zunge „dass ausgerechnet du das machst ist ganz schön inkonsequent“. Das weiß ich selbst, danke. Und doch kann ich es vor mir selbst rechtfertigen. Dann gehe ich geistig zurück in der Zeit und frage mich, an welcher Stelle ich jemals behauptet habe perfekt zu sein. Die Antwort ist immer die gleiche: Nie.

Und bin ich anderen gegenüber überhaupt Rechenschaft schuldig? Nein. Vor allem nicht denen, die im Rahmen der kognitiven Dissonanz mit dem Finger auf mich zeigen. Kognitive Dissonanz kann, ganz simpel gesagt, als ein innerer Konflikt dessen verstanden werden, was von einem Individuum als moralisch/ethisch korrekt empfunden wird und konträr zu den eigenen Handlungen steht. Zum Beispiel: Anna weiß, dass Plastikflaschen schlecht für die Umwelt sind, weil sie aber zu bequem ist auf wiederbefüllbare Flaschen zu umzusteigen, hat sie einen inneren Konflikt, weil sie weiß, dass es eigentlich nicht richtig ist und sie es eigentlich gern anders machen würde. Macht jemand Anna darauf aufmerksam, geht sie in eine Abwehrhaltung und zeigt gezielt auf Schwachstellen des anderen. Warum? Weil es einfacher ist, als ihre eigene Fehlbarkeit zu reflektieren und diese u.U. zu akzeptieren.

 

Mache das, was du kannst – denn auch wer hinkt kommt voran

Nur weil ich nicht selbstverpflegend, autark und gänzlich konsumverweigernd in einer kleinen Jurte lebe, ohne Storm und fließend Wasser natürlich, bin ich noch lange keine Heuchlerin. Ich tue einfach das, was ich kann. Ich schränke mich in vielerlei Hinsicht ein, viel mehr als die meisten, die ich kenne und erbringe meinen Beitrag zum Umweltschutz. Andere tun viel mehr. Sind sie daher bessere Menschen? Ich lebe minimalistischer als bisher, aber es gibt Menschen, die mit viel weniger auskommen. Sind sie deshalb bessere Menschen?

Wenn jeder seinen Beitrag leistet und nicht ignorant durch die Welt läuft, dann können wir schon sehr viel erreichen. (Aus diesem Grund fällt es mir übrigens so schwer, Ignoranz zu ignorieren) Wenn wir Bewusstsein sähen, ist bereits der erste Schritt getan. Wenn auf Bewusstsein Einsicht erfolgt, kann ein Weg geebnet werden und begangen werden. Schritt für Schritt für Schritt.

Ich habe aus dieser Konversation gelernt, dass ich zukünftig Menschen nicht mehr so sehr belehren möchte, auch wenn ich es für erstrebenswert erachte, ihnen gewisse Informationen nicht vorzuenthalten. Ich werde mein Leben so leben, wie ich es für richtig, nachhaltig und minimalistisch halte und mich dabei weder selbst verurteilen, verurteilen lassen, noch andere dabei verurteilen. Wenn es jemanden interessiert, dann wird er*sie die gewünschte Antwort bekommen – urteilsfrei und nicht perfekt, wie ich nun einmal bin.

 

In welcher Hinsicht bist du besonders unperfekt und würdest es gerne ändern?